Beitrag von Edwin Mertes (
mertes)
Gedankenspiele zur Rundfunkaufnahme eines Konietzny-Werkes 2010
Von Jean Cocteau stammt die Weisheit: „Die Mode schafft schöne Dinge, die nach einigen Jahren hässlich werden; die Kunst schafft hässliche Dinge, die nach einigen Jahren schön werden.“
Bei der Einstudierung und Rundfunkaufnahme des Konietzny-Werkes „So na allochroisch“ für Oboe, Zupforchester und Perkussion durch das SZO hat sich am 20./21.02.2010 dieser Satz aufs Schönste bewahrheitet. Die Vorbehalte und Vorurteile einiger MusikerInnen gegen Konietznys Tonsprache wandelten sich in Akzeptanz und Zustimmung. Am Anfang der 60er Jahre war die Aufführung Konietzny’scher Zupfmusikwerke mit Protest, Empörung und Aversion verbunden. Nur langsam folgte die Rehabilitierung, Billigung und Anerkennung. Heute zählen die Kompositionen Konietznys zur gehobenen Studienliteratur und zum unverzichtbaren Standardrepertoire namhafter Solisten und Orchester.
Es war dem saarländischen Komponisten stets bewusst, dass er von der breiten Masse wenig Verständnis oder Zustimmung für seine Musik erwarten konnte. Auch in Amateurmusikerkreisen stießen seine Werke überwiegend auf Ablehnung. Auf der anderen Seite wurde von professionellen Instanzen hingegen Konietzny’s musikalischem Sicheinlassen auf das Laienmusizieren und seine Entscheidung, auch für die geschmähten Instrumente Akkordeon, Mandoline und Gitarre zu komponieren mit Skepsis, Befremden und dem ein oder anderen abschätzigen Blick begegnet.
Die Historie seiner Musik-Aufführungen zeigt, dass er sein Publikum polarisiert. Doch zählt er nicht zu den provokativen Kulturschockern. Seine Tonsprache ist zeitgenössisch und von formelhaften Klischees emanzipiert und daher für eher traditionell eingestelltes Publikum nicht immer leicht nachvollziehbar. Doch sind Konietznys Werke stets von hoher Emotionalität und farbenfrohen Klangbildern geprägt. Der mathematische Intellektualismus eines Arnold Schönberg ist Konietzny ebenso fremd wie radikale Klangexperimente à la Stockhausen oder Boulez.
Konietzny hat mit seiner Musik zwar in Amateurmusikkreisen nicht den allgemeinen Geschmack ändern können, doch hat er bei einigen „Wagemutigen“ aus dem Laienmusikbereich ein neues Hörerlebnis und eine neue Toleranz, eine Verfeinerung des musikalischen Stilempfindens und eine Anhebung des künstlerischen Anspruchs bewirkt. Er hat zweifellos das Zupfmusikrepertoire unserer Epoche mit seinen Werken nicht nur quantitativ bereichert. Dass er unsere Sphären berührte und uns mit seinem Schaffen ehrte, wissen aber wohl noch die wenigsten Zupfmusiker zu schätzen!
Mit der saarländischen Zupfmusikszene stand der Komponist und Hochschullehrer Konietzny seit 1958 in freundschaftlichem Kontakt und beobachtete insbesondere die Lehrgangsarbeit sehr interessiert. Aber erst die Spielkunst eines Takashi Ochi konnte ihn motivieren, ab 1961 für die Zupfinstrumente zu komponieren. Seine Erstlingswerke dieses Genres: „Ständchen“, „Variationen über ein altfranzösisches Volkslied“, „Konzertante Musik“ und „Dudweiler Impressionen“ führten die Zupfmusiker ohne spieltechnische Überforderung in klangliches Neuland. Als einer der ersten hat uns Konietzny mit diesen frühen Stücken für Zupforchester eine Tür zur allgemeinen Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts geöffnet.
1965 kommentierte Konietzny seinen Entschluss, sich mit Zupfinstrumenten schöpferisch einzulassen, wie folgt:
„Ich habe die Entwicklung gerade der Zupfmusik an der Saar genau verfolgt und konnte feststellen, dass die Jugend nach neuen Formen und Klängen suchte. Hier fühlte ich mich persönlich angesprochen und habe versucht, diese Entwicklung durch meine Mitwirkung zu fördern. Mir kam entgegen, dass hier an der Saar die Zupfmusikbewegung zielbewusst gefördert wird, einen eminent breiten Raum einnimmt und hervorragende jugendliche Musiker zur Verfügung stehen, die meine künstlerischen Absichten in vorbildlicher Weise realisieren können.”
Werkbesprechung
Das Werk „So na allochroisch“ ist eine programmatische Naturschilderung und bedeutet soviel wie: „Der morgendliche Lockruf der Pekingnachtigall“. Dem Zuhörer offenbart sich das 12 Minuten-Werk als ein Kaleidoskop von Stimmungen und nie zuvor gehörten Klangfarben. Diese zeitgenössische Komposition lässt sich nicht mehr einordnen in die Kategorie „für das ambitionierte Laienmusizieren“, sondern stellt kompromisslos an Spieler und Hörer höchste Anforderungen. Die Uraufführung des Werkes erfolgte 1969 mit dem SZO unter Siegfried Behrend in der Kongresshalle Saarbrücken und wurde als „Paukenschlag der Saison“ journalistisch kommentiert. Der Rezensent bezog sich dabei aber wohl weniger auf die Perkussionskunst als auf den Publikumsaffront.
Für die Rundfunkaufnahme 2010 standen dem SZO zwei herausragende professionelle Könner ihres Faches zur Verfügung: Veit Stolzenberger, Oboe und Michael Gärtner, Perkussion. Die drei Sätze stehen in einer kontrastierenden Wechselbeziehung zueinander. Im Kopfsatz, „Allegro giocoso“ dominiert das motorisch-clowneske Prinzip. Über raumläufig verzahnten filigranen Orchestermotiven brilliert die Solo-Oboe in kantabiler Expressivität. Äußerst verselbständigte polyphone Stimmverflechtungen aller Instrumente zeugen von der inspirativen Kraft und überquellenden Fantasie ihres Schöpfers. Ein kompositorisch-programmatischer Kulminationspunkt im Zentrum des Satzes bietet Raum für eine freie Improvisation mit einem vielfach variierten Lockruf des „balzenden Sonnenvogels“. Die Szene wird durch die grenzenlose Vielfalt und Farbigkeit des umfangreichen Perkussionsinstrumentariums stimmungsvoll illustriert. Der Titel des zweiten Satzes „Aulodie“, erweist dem Aulos, dem antiken Rohrblattinstrument und im weitesten Sinne Vorläufer der modernen Oboe, seine virtuose Referenz. Die orchestrale Begleitung gründet auf mythisch anmutenden Schmelzklängen und einer großflächigen differenzierten Architektur mit herben polytonalen Reibungen. Mit wiederholt eingestreuten samtartigen Quart- und Quintklängen erinnert der Hindemith-Schüler Konietzny an seinen großen Lehrer. Gleichermaßen ist das werkprägende „ornithologische Vokabular“ der Solo-Oboe eine Hommage an den von Konietzny hochgeschätzten französischen Komponisten Olivier Messiaen. Der stimmungsvoll-farbigen Aulodie folgt ein vitales Allegro. Die ostinate Rhythmik im Orchestertutti verstärkt den perkussiven Gestus, und so gebärdet sich der Finalsatz mit unerbittlicher Konsequenz wie ein unaufhaltsamer, mitreißender Strom.
Die überragende Ausdruckskunst des Oboisten Veit Stolzenberger und die künstlerische Meisterschaft des Schlagwerk-Allrounders Michael Gärtner verleihen der Rundfunk-einspielung professionellen Glanz. Es ist dem Dirigenten Reiner Stutz zu verdanken, dass Witz und Einfallsreichtum der Komposition detailliert herausgearbeitet wurden. Der farbig nuancierte Orchesterklang mit sehr differenzierter Dynamik stellt eine reife Leistung des Dirigenten und des Orchesters dar. Stutz gelingt es, das SZO im Licht der musikalischen Brillanz der beiden virtuosen Solisten zu einer ausdrucksstarken Interpretation zu führe.
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